„Wie kann ich Scrum-Trainer werden?“
Eine Frage, die mir regelmäßig gestellt wird. Erst letzte Woche wieder nach meinem „Professional Agile Leadership – Evidence-Based Management“-Training in München.
Da ich dem Fragenden eine E-Mail versprochen habe, dachte ich mir: Wieso nicht auch dich daran teilhaben lassen? Spielst du auch mit dem Gedanken, Scrum-Trainer oder Trainer im Allgemeinen zu werden? Dann ist dieser Artikel für dich.
Los geht’s …
Ende 2017 meldete ich mich zum ersten Mal zur „Professional Scrum Master III“-Prüfung an.
Ich wollte beweisen, dass ich mich mittlerweile richtig gut mit Scrum auskenne.
Insgeheim spielte ich bereits mit dem Gedanken, irgendwann einmal Scrum-Trainer zu werden. Die Prüfung stellt die Einstiegshürde für Trainer dar. Ich folgte dem gängigen Rat aus Scrum-Foren: Bis zur Prüfung las ich jedes Buch über Scrum, das es auf dem Markt gab.
Nach 20 Minuten der Prüfung sollte ich eigentlich schon bei Frage 6 sein.
Ich hatte aber noch nicht einmal die zweite Frage beantwortet. Es fiel mir schwer, die Fragen inhaltlich korrekt zu beantworten. Dazu schaffte ich es nicht, die Antworten knapp in einigen wenigen Sätzen auf den Punkt zu bringen, ohne sie mehrmals umzuformulieren. Bisweilen stand ich völlig neben mir und selbst einfache englische Wörter fielen mir nicht mehr ein. Am Ende hatte ich nur noch zehn Minuten zur Beantwortung der letzten sieben Fragen.
Nachdem ich die Prüfung abgegeben hatte, checkte ich mehrmals am Tag meine E-Mails. Mir war bewusst, dass die Prüfung alles andere als gut gelaufen war. Aber ich wollte die Hoffnung noch nicht aufgeben. Vielleicht war ich doch besser gewesen, als ich dachte? Oder vielleicht würden die Korrektoren bei mir noch einmal alle Augen zudrücken … oder vielleicht …
Dann endlich: Ich hatte eine Antwort vom Korrektor im Postfach:
„... in several cases, your answer lacked the depth needed to get full marks. Brief answers are often best, but there were times where they were too brief.“
Nachdem ich diese Zeilen gelesen hatte, klappte ich mein Notebook zu.
Und verabschiedete mich damit auch vom Traum, Professional Scrum Master III zu werden.
Vorerst.
Einige Wochen später telefonierte ich mit meinem Mentor. Er war Professional Scrum Trainer mit langjähriger Erfahrung – und einer der wenigen, die ich in meinen Traum, Scrum-Trainer zu werden, eingeweiht hatte. Natürlich kam das Gespräch irgendwann auf die Prüfung. Zuerst druckste ich herum, aber dann erzählte ich ihm von allem.
Beim Erzählen erkannte ich etwas:
Ich hatte es mir mit der Vorbereitung auf die Prüfung zu leicht gemacht.
Bücher zu lesen ist zwar angenehm, es ist aber eben auch nur Lesen. Die Prüfung erfordert allerdings Schreiben. Also aktives Handeln und nicht passives Sitzen auf dem Sofa mit einem Buch. Als mir das bewusst wurde, wollte ich mir die Haare ausreißen. Ich sollte es doch eigentlich besser wissen. Aus meinem Studium der Mathematik wusste ich, dass nur in der Vorlesung zu sitzen und zuzuhören keine ausreichende Vorbereitung auf die Abschlussprüfung war. Ich musste mich selbst mit dem Thema beschäftigen. Ich musste mir Fragen stellen. Ich musste mir Notizen machen. Und vor allem musste ich Aufgaben lösen. Erst wenn ich mit meinem Wissen wirklich auch Aufgaben lösen konnte, bestand ich die Prüfung am Ende des Semesters auch.
Deshalb beschloss ich nach dem Gespräch:
Von heute an würde ich täglich eine knifflige Frage zu Scrum beantworten. Wissen und Erfahrung allein reichten nicht aus, um die „Professional Scrum Master III“-Prüfung zu bestehen, sondern ich musste meine Erfahrungen auch schnell zu Papier bringen. Das wollte ich von nun an trainieren.
Ende 2019 bestand ich die Prüfung dann mit 95 %.
Und wenige Monate später wurde ich sogar in die Community der Professional Scrum Trainer aufgenommen.
Welche Tipps kann ich dir rückblickend aus meiner Vorbereitung geben?
Tipp #1: Als Trainer musst du Fragen auf den Punkt beantworten können
Denke ich so über meine Vorbereitung nach, dann sticht als Erstes eine Erkenntnis heraus:
Über Scrum Bescheid zu wissen, reicht nicht aus. Scrum-Trainer müssen in der Lage sein, wichtige Inhalte auf den Punkt vorstellen zu können.
Wenn ich von wichtigen Inhalten spreche, dann meine ich:
- die Scrum-Prinzipien
- die Scrum-Werte
- die Elemente von Scrum
- das Konzept von „Done“
- Sprint- und Produktziele
- komplexe Arbeit
- die Rolle von Selbstmanagement
- Planung und Vorhersagen
Und dabei genügt es auch nicht, diese Inhalte nur erklären zu können, sondern als Scrum-Trainer musst du in der Lage sein, diese Inhalte zu nutzen, um Fragen der Teilnehmer damit zu beantworten. Denn ein gutes Training sollte weniger einer Vorlesung in der Uni gleichen, sondern eher einem Dialog zwischen Trainer und Teilnehmern. Und der Schlüssel für dieses Gespräch auf Augenhöhe ist die Fähigkeit, Fragen zur Produktentwicklung mit Inhalten aus dem Scrum-Rahmenwerk zu beantworten.
Genau diese Fähigkeiten musst du in der „Professional Scrum Master III“-Prüfung unter Beweis stellen. Deshalb ist das auch Teil des Weges, den angehende Scrum-Trainer bei der Scrum.org gehen müssen. Da es hierfür keine Unterstützung in Form eines Trainings von der Scrum.org gibt und ich jedem den einsamen Weg des Selbststudiums ersparen will, haben Marc Kaufmann und ich das PSM-3-Bootcamp ins Leben gerufen. Hier findest du weitere Details. Und wenn du lesen willst, was Teilnehmer darüber berichten, dann folge Iris Grimms Beiträgen.
Natürlich genügt es nicht, nur Fragen mit dem Wissen des Scrum Guides zu beantworten. Was uns zum nächsten Tipp bringt:
Tipp #2: Nur umfangreiche Scrum-Erfahrung schafft Vertrauen in dein Wissen
Woran erkennt man einen erfahrenen Scrum-Trainer?
Hierzu nutze ich diesen Test: Was unterscheidet den Product-Backlog vom Sprint-Backlog?
An dieser einfachen Frage konnte ich bisher immer erkennen, ob jemand wirklich schon einmal in einem Scrum-Team gearbeitet hat oder nicht. Klingt simpel, aber Trainer, die ihr Wissen nur aus dem Scrum Guide oder Büchern haben, können nicht erklären, was im Sprint-Planning eigentlich passiert.
Sie verstehen nicht,
- welche Rolle das Ringen um das passende Sprintziel spielt,
- wie ein Product-Backlog nur das „Was“ und das Sprint-Backlog das „Wie“ beschreiben kann,
- warum Product-Owner nur über das „Was“ bestimmen und Entwickler nur über das „Wie“.
Langjährige Erfahrung (mindestens fünf bis sieben Jahre) in Scrum-Teams, idealerweise in unterschiedlichen Verantwortlichkeiten, ist wichtig, um authentisch zu sein. Mit „authentisch“ meine ich, die Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Scrum in echten Unternehmen am eigenen Leib erfahren zu haben. Und besonders: diese Schwierigkeiten auch erfolgreich überwunden zu haben. Ein Scrum-Trainer muss die Teilnehmer der Schulung zum Handeln inspirieren und das wird niemals klappen, wenn er nicht erzählen kann, wie er es bereits geschafft hat.
Als ich den Entschluss fasste, Scrum-Trainer zu werden, fing ich deshalb an, diese Geschichten zu sammeln. Allerdings ist Sammeln nicht genug. Wie beim letzten Tipp geht es darum, diese Erfahrungen kurz und knapp teilen zu können.
Hierbei nutze ich diese Fragen, um die Erfahrung auf den Punkt zu bringen:
- Was war die Situation?
- Was war das Problem? Welche Abweichung zum Scrum-Framework lag vor?
- Was habe ich versucht, um das Problem zu lösen?
- Was war das Ergebnis meiner Versuche?
- Worauf achte ich seitdem?
Eine Möglichkeit, sich mit anderen Scrum Mastern auszutauschen und seine Erfahrungen zu teilen, stellt das „Professional Scrum Master – Advanced“-Training dar. Jeder, der ernsthaft mit dem Gedanken spielt, Scrum-Trainer zu werden, sollte dieses Training besuchen. Denn neben den Inhalten und der Möglichkeit, Erfahrungen zu teilen und von anderen Scrum Mastern zu lernen, bietet es auch die Chance, zu erfahren, wie ein interaktives Training aussehen kann.
Was uns zum letzten Tipp bringt.
Tipp #3: Erfahrung als Trainer ist eine Grundvoraussetzung
Das hat mich auch überrascht.
Bei meinem Zertifizierungsprozess zum „Professional Scrum Trainer“ bei Scrum.org lagen die Schwerpunkte ausschließlich darauf, Scrum erklären zu können und schwierige Fragen souverän zu beantworten. Wie ich Trainings gut gestalte und durchführe, dazu habe ich nur wenig gelernt. Als ich vor einiger Zeit einen Scrum Master dabei unterstützt habe, auch Scrum-Trainer zu werden, habe ich deshalb nochmals nachgefragt, warum auf die Ausbildung von Trainingsfähigkeiten so wenig Wert gelegt wird.
Die Antwort:
Von einem Professional Scrum Trainer wird erwartet, dass er bereits Trainer ist. Sprich: Ohne Erfahrung in der Durchführung von Trainings wirst du wahrscheinlich gar nicht in Betracht gezogen.
Rückblickend verstehe ich jetzt, warum eine der ersten Fragen in meiner Bewerbung damals lautete, wie viele Trainings ich bereits selbstständig durchgeführt hatte. Da ich in den ersten Jahren meiner Vorbereitung zum Trainer so gut wie jeden Urlaub genutzt hatte, um bei Scrum-Trainern zu hospitieren oder als Co-Trainer zu fungieren, konnte ich diese Frage mit einer hohen Zahl beantworten.
Deshalb mein letzter Tipp: Sammle Erfahrung als Trainer.
Willst du lernen, was ein gutes Training ausmacht?
- Ich habe hierzu einen Webcast aufgenommen – du findest ihn hier.
- Wenn du tiefer eintauchen willst, dann melde dich auch gerne zu meinem kostenlosen Crash-Kurs für Trainer an. Dort beschreibe ich in fünf E-Mails, was du beachten solltest, wenn du interaktive Trainings gestalten willst, die deine Teilnehmer noch lange schwärmen lassen.