Im Jahr 2019 fing ich in einem neuen Unternehmen an.
Ich sollte als Coach ein Team beim Aufbau einer neuen Versicherungsplattform unterstützen. Als Erstes stellte ich mir natürlich die Frage: „Warum braucht es eine neue Plattform?“ Ein Entwickler aus dem Team, der bisher an der alten Lösung gearbeitet hatte, gab mir Antworten:
- Er würde dort keine Zeile Code mehr anfassen wollen. Es gebe keine Tests, die einem sagen könnten, ob die Software nach einer Änderung noch funktionieren würde.
- Deployment per Hand sei üblich, bei dem du nie sicher sein kannst, ob du nicht die halbe Nacht in der Firma bleiben musst, um es wieder zum Laufen zu bekommen.
- An konzentriertes Arbeiten sei nicht zu denken, da Hotfixes zum Arbeitsalltag gehörten.
Sein Fazit:
„Die alte Software traut sich keiner anzufassen.“
Was so viel heißt:
Die technischen Schulden haben überhandgenommen.
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Technische Schulden: Wenn sich niemand mehr traut, Software weiterzuentwickeln
Technische Schulden entstehen, wenn Liefertermine gehalten werden müssen.
Dann werden Abkürzungen bei der Softwarequalität in Kauf genommen. Ein Workaround statt sauberer Schnittstellen, ein Feature ohne Tests, ein „Fix later“ in der Architekturdokumentation. Kurzfristig gewinnen Teams damit an Geschwindigkeit, nehmen aber Schulden auf, die es zurückzuzahlen gilt. Sonst ist das Produkt irgendwann nicht mehr wartbar und muss von Grund auf neu entwickelt werden.
Doch das ist nur eine Sichtweise.
Es ist die technische Sicht auf ein Problem, das oft viel tiefer liegt. Deshalb habe ich auch im Produktmanagement nachgefragt: Warum sollte eine neue Plattform nötig sein?
Die Gründe dort:
- Jede Änderung macht das Produkt schwerer nutzbar und immer weniger interessant für Kunden.
- Neukunden „verstehen es nicht“. Es gibt mittlerweile zu viele Wege, zu viele Einstellungen und zu viele Sonderfälle, um Aufgaben in der Software zu erledigen.
- Viele Workarounds haben dazu geführt, dass die Anzahl der Support-Tickets explodiert ist.
Bei diesen Problemen handelt es sich aber nicht um technische Schulden,
sondern um Produktschulden.
Produktschulden: Wenn Features zur Last werden
Apple wird für minimalistisches Design gefeiert – zumindest unter Steve Jobs.
Gleichzeitig kenne ich kaum ein besseres Beispiel dafür, dass auch Design-Giganten nicht immun gegen Produktschulden sind. iTunes startete 2001 mit einem klaren Fokus: „Rip. Mix. Burn.“ Es war eine Musik-Jukebox. Doch über die Jahre mutierte die Software zum „Digital Hub“ für das gesamte Apple-Ökosystem.
Es musste:
- Musik abspielen und verwalten
- iPods und später iPhones und iPads synchronisieren sowie Back-ups erstellen
- Einen Store für Musik, Filme, TV-Serien und Apps beherbergen
- Podcasts und Hörbücher verwalten
- Soziale Netzwerke integrieren (das gescheiterte „Ping“)
Irgendwann war iTunes aber nicht mehr für seine Funktionsvielfalt bekannt, sondern für Trägheit und Unübersichtlichkeit.
- Das Starten der App dauerte auf älteren Rechnern Ewigkeiten.
- Die Updates waren wohl gigantisch.
- Die Navigation war ein Labyrinth (was ich sonst nur von Microsoft kenne) aus Dropdown-Menüs und Seitenleisten, die sich je nach angeschlossenem Gerät oder ausgewähltem Medientyp komplett veränderten. Als Nutzer wusste ich nicht, ob ich mich in der lokalen Bibliothek oder im Store befand.
Auf der WWDC 2019 zog Apple die Reißleine. Selbst der Senior Vice President für Softwareentwicklung bei Apple witzelte darüber. Craig Federighi sagte auf der Bühne:
„Eine Sache hören wir immer wieder: Kann iTunes noch mehr?“
Die Antwort war: nein.
Apple zerschlug iTunes in drei separate Apps: Apple Music, Apple Podcasts und Apple TV. Die Synchronisationsfunktionen wurden in den Finder ausgelagert.
Während technische Schulden die Entwicklung verlangsamen, verlangsamen Produktschulden die Nutzer.
Jede Änderung am Produkt macht es schwerer nutzbar und schwerer verkaufbar. Ab einem gewissen Schuldenstand hilft kein „Redesign“ mehr. Dann brauchst du eine Neuentwicklung oder Entkopplung. In dem Unternehmen, in dem ich arbeitete, hieß es: eine neue „Plattform“; bei Apple: die Rückkehr zu fokussierten „Single-Purpose“-Anwendungen.
Eines ist sicher: Beides hat viel Geld gekostet.
Kulturschulden: Wenn Umsatz wichtiger ist als Integrität
Uber war bekannt für: schnell bauen, schnell einstellen, schnell expandieren.
Travis Kalanick, der ehemalige CEO, verkörperte Geschwindigkeit als Führungsphilosophie und als Wettbewerbsvorteil. Und eine Zeit lang funktionierte das. Neue Städte wurden erschlossen. Fahrer strömten dazu. Die Unternehmensbewertung schoss in die Höhe. Doch hinter den Kulissen häufte sich eine sichtbare Schuld an, die weder technischer noch produktbezogener Natur war.
Am 19. Februar 2017 war Zahltag.
An diesem Tag veröffentlichte Susan Fowler ihren Blogpost „Reflecting On One Very, Very Strange Year At Uber“. Darin beschrieb sie Belästigung und systematisches Wegsehen. Als sie der HR meldete, dass ihr Manager sie belästigte, war die Antwort bezeichnend:
„Die Geschäftsführung teilte mir mit, dass er ein ‚Leistungsträger‘ sei und sie Bedenken hätte, ihn für etwas zu bestrafen, das vermutlich nur ein harmloses Versehen seinerseits war.“
Dies ist ein Beispiel für Kulturschulden: der kurzfristige Schutz eines Leistungsträgers auf Kosten der langfristigen Integrität des Unternehmens. Die Folgen: massive Fluktuation, ein fast irreparabler Vertrauensverlust und ein Einbruch der Diversität.
„Als ich bei Uber anfing, lag der Frauenanteil in meinem Bereich bei über 25 %. Zu dem Zeitpunkt, als ich versuchte, in eine andere Engineering-Abteilung zu wechseln, war dieser Wert auf unter 6 % gesunken.“
Kulturschulden entstehen nicht über Nacht. Sie entstehen, wenn schwierige Entscheidungen vertagt werden, wenn toxisches Verhalten toleriert wird, solange die Zahlen stimmen, und wenn psychologische Sicherheit als „Nice-to-have“ betrachtet wird.
Ein ähnliches trauriges Beispiel ist von Volkswagen bekannt:
Volkswagen zeigte mit Dieselgate, wie Kulturschulden ganze Unternehmen verwundbar machen. Das Problem war nicht nur eine technische „Cheat-Software“, sondern ein Umfeld aus Ziel- und Ergebnisdruck, starrer Hierarchie und zu wenig Raum für Widerspruch. Wenn Integrität im Alltag gegen „Liefern“ für mehr Umsatz verliert, entsteht eine Kultur des Wegsehens und des Schweigens – ein weiteres Beispiel für Kulturschulden.
Die Kosten, diese Schulden zurückzuzahlen, sind enorm.
Der ICCT beziffert, dass der Skandal VW über 34 Milliarden US-Dollar an Strafzahlungen und Vergleichen kostete. Die Kosten häufen sich weiter. Der EuGH stellte am 1. August 2025 klar, dass Hersteller für unzulässige Abschalteinrichtungen haftbar bleiben, einschließlich eines Anspruchs auf Entschädigung (unter bestimmten Bedingungen).
Technische Schulden kosten Geschwindigkeit. Produktschulden kosten Kunden. Kulturschulden kosten Vertrauen.
Wie also vermeiden wir Kulturschulden?
Indem wir Kultur genauso behandeln wie Code: mit Wartung, Refactoring und expliziten Regeln.
Ein Paradebeispiel dafür ist Netflix.
Reed Hastings und Patty McCord erstellten das berühmte „Netflix Culture Deck“.
Anstatt zuzusehen, wie die Kultur durch Flurfunk und Gewohnheit erodiert, machten sie das Implizite explizit:
- So arbeiten wir.
- Das tolerieren wir nicht.
- Das bedeuten „Freiheit und Verantwortung“ in der Praxis.
Im Deck steht ein entscheidender Satz:
„Die wahren Unternehmenswerte – im Gegensatz zu wohlklingenden Lippenbekenntnissen – zeigen sich darin, wer belohnt, befördert oder entlassen wird.“
Das ist der Kern: Kultur sind nicht die Worte. Am Ende ist Kultur doch nur das schlimmste Verhalten, das wir tolerieren. Denn es ist nicht der Spaghetti-Code, der ein Unternehmen zum Wackeln bringt, sondern es sind die Schulden, die wir im Vertrauen mit unseren Mitarbeitern und Kunden aufgebaut haben.
Ankündigung: Am 22. Juni 2026 findet mein nächster „Objectives & Key Results – Who Does What by How Much?“ Live-Workshop statt.
Wenn du …
- Ziele messbar und umsetzbar setzen willst,
- Erfolg lieber am Kundennutzen statt an erledigten To-do-Listen messen willst,
- und Alignment zwischen Teams, Strategie und Prioritäten schaffen willst, obwohl ihr „eigentlich“ schon OKRs nutzt,
… dann könnte dieses Online-Training für dich sein.