Der Jobmarkt für Scrum Master steht unter Druck. AI verändert die Spielregeln. Dieser Artikel zeigt Dir drei Hebel, mit denen Du 2026 relevant bleibst: Deinen Wert sichtbar machen, Deine Basics schärfen - und Dich auf das konzentrieren, was AI nicht kann.
Scroll mal durch LinkedIn. "Offen für neue Herausforderungen" – gefühlt sind das derzeit ziemlich viele (nicht nur Scrum Master) Profile. Die Stellenanzeigen? Weniger geworden. Und dann kommt AI dazu.
Panik?
Nein. Aber Handlungsbedarf?
Schon.
Die Frage ist nicht, ob AI Scrum Master ersetzt. Die Frage ist: Welche Scrum Master werden ersetzt - und welche nicht?
Ich bin überzeugt: Die Antwort liegt bei Dir. Nicht bei der Technologie.
Drei Hebel fallen mir dazu ein:
1. Zeig Deinen Wert - in Euro, nicht in Post-its
Mal ehrlich: Wie viel bist Du als Scrum Master wert?
Kannst Du Deinen Wert beziffern? In Euro. Nicht in "ich verbessere die Teamdynamik" oder "ich facilitiere gute Meetings". Das ist schön. Aber wenn die nächste Sparrunde kommt, zählen Zahlen.
Die gute Nachricht: Du kannst Deinen Wert messbar machen. Und zwar in der Sprache der Entscheider. In Geld. Es ist nicht so schwer, wie Du vielleicht denkst.
Fang bei der Burn Rate an. Das sind die Kosten pro Sprint. Durchschnittlicher Tagessatz mal Anzahl Teammitglieder mal Sprintlänge. Bei einem typischen Team landest Du schnell bei 20.000 Euro pro zweiwöchigem Sprint. Das ist Dein Ausgangspunkt.
Jetzt die spannende Frage: Was verändert sich durch Deine Arbeit? z.B. mit
Durchsatz: Liefert das Team mehr pro Sprint als vorher? Wenn ihr von 5 auf 8 Product Backlog Items kommt, sinken die Kosten pro Item von 4.000 auf 2.500 Euro. Das sind 37% weniger - pro Product Backlog Item.
Release-Frequenz: Kommt ihr jetzt schneller zum Kunden? Wenn vorher ein Inkrement alle zwei Sprints 40.000 Euro an gebundenem Kapital gekostet hat und ihr das jetzt einmal pro Sprint schafft, dann halbiert ihr die Kosten, bis ihr Feedback bekommen könnt!
Umsatz: Steigt die Conversion Rate, weil ihr schneller auf Kundenfeedback reagiert? Um wieviel? Bei 30% mehr Conversion und 300.000 Euro Ausgangsumsatz sind das 90.000 Euro zusätzlich. Pro Jahr.
Rechne das mal zusammen. Ein Scrum Master mit 60.000 Euro Gehalt, der an einer halben Million Euro Wertschöpfung beteiligt ist... das ist ein 8-facher ROI. Messbar. Nicht gefühlt.
Und was ist, wenn Du keinen Zugang zu den Zahlen hast? Dann besorg ihn Dir! Wer hat Zugang? Wer kann Dir (Mittel-?) Werte geben? Dein Teamleiter? Das Controlling? Oder gibt es Branchendurchschnitte, die Du als Ausgangspunkt nutzen kannst? Frag nach. Zeig Interesse. Triff Annahmen. Allein das unterscheidet Dich schon von vielen.
"Kann ich die Verbesserung wirklich allein mir zuschreiben?" Nein. Und das ist auch nicht der Punkt. Die Verbesserung einer einzelnen Person zuzuordnen ist schwierig - und so auch nicht beabsichtigt. Es ist ein Team-Spiel. Und Du als Scrum Master bist wesentlicher Bestandteil dieses Teams. Du musst nicht beweisen, dass Du allein den Durchsatz gesteigert hast. Du musst zeigen, dass Du Teil des Systems bist, das diese Ergebnisse liefert.
Aber zurück zur Kernbotschaft: Wer seinen Wert nicht beziffern kann, wird ersetzbar. Von AI. Von der nächsten Sparrunde. Oder von jemandem, der es kann.
Wie kannst Du in Deinem Kontext in der Sprache Deiner Entscheider mitsprechen? Das Evidence-Based-Management Framework der Scrum.org kann Dir weitere Ideen und Metriken in die Hand geben um "Wert" in Deinem Kontext greifbarer zu machen.
2. Schärfe Dein Handwerk: erzeuge Substanz statt Schaum.
AI kann den Scrum Guide schneller zitieren als Du. ChatGPT spuckt Dir in Sekunden aus, was ein Product Owner tut, wie ein Sprint Review abläuft oder warum das Daily Scrum keine Statusrunde ist.
Na... ...und?
Dein Vorteil liegt woanders. Du kennst Deine "Pappenheimer". Du kennst den Kontext. Und: Du kannst verstehen UND erklären. Und - das ist der entscheidende Punkt - Du kannst hinhören, WAS NICHT gesagt wird - und Deine Antwort auf das, was eigentlich gefragt wird schärfen.
Präzision zeigt Kompetenz
Präzise sein. Wenn Dich jemand fragt, was ein Scrum Master macht, hast Du dann eine klare Antwort? Oder verfällst Du in Buzzword-Nebel? "Ich enable das Team" - ja, super. Was heisst das konkret? Was machst Du morgen um 9 Uhr anders als ein Projektleiter?
Präzision zeigt Kompetenz. Wischiwaschi zeigt... na ja.
Bildhaft erklären. Mal ein Bild. Mit Worten. Nutze Metaphern, nicht weil sie hübsch klingen, sondern weil sie komplexe Dinge greifbar machen. "Der Product Owner ist wie ein Restaurantbesitzer - er entscheidet, welche Gerichte auf die Karte kommen, nicht wie der Koch sie zubereitet." Das bleibt hängen. "Der Product Owner maximiert den Value des Produkts" - das ist korrekt, aber es klebt nicht.
Wer Metaphern findet, die sitzen, zeigt echtes Verständnis. Nicht angelesenes Wissen.
Zuhören. Wirklich zuhören. Nicht warten, bis Du dran bist. Nicht schon die Antwort formulieren, während der andere noch spricht. Sondern hinhören, nachfragen, verstehen wollen. Das klingt banal. Ist es nicht. Die meisten Menschen - auch Scrum Master - hören zu, um zu antworten. Nicht um zu verstehen.
Diese drei Skills brauchst Du nicht nur im Sprint Planning oder im Stakeholder-Workshop.
Du brauchst sie um Impediments zu beseitigen, organisatorische Hindernisse abzubauen, über Teamgrenzen hinweg zu argumentieren.
Und sie sind auch nützlich bei der nächsten Gehaltsverhandlung. "Ich möchte mehr Geld" ist schwach. "Mit meiner Unterstützung hat das Team den Durchsatz um 60% gesteigert, das entspricht 120.000 Euro eingesparten Kosten pro Jahr - ich möchte an diesem Erfolg beteiligt werden" ist eine andere Hausnummer.
Oder im Job-Interview. Wer seinen Wert klar und bildhaft rüberbringt, bleibt im Kopf. Wer Buzzwords aneinanderreiht, verschwimmt im Einheitsbrei der anderen Bewerber.
Präzision, Bildhaftigkeit, Zuhören - das sind keine Soft Skills. Das ist Handwerk. Und Handwerk ist wie ein Messer: es braucht regelmässig einen Schleifstein.
👉 Das PSM III Boot Camp ist genau dafür gebaut. Für Scrum Master die ihren Craft, ihr Handwerk weiter entwickeln wollen. In der Argumentation. In der Präzision. Auch und gerade wenn es heiss hergeht, unter Stress und Erfolgsdruck. Wenn Wörter eben sitzen müssen.
3. Präsenz schlägt Prompt
AI wird besser. Schneller. Billiger. Das ist Fakt.
Und trotzdem gibt es Dinge, die AI auf absehbare Zeit nicht kann. Nicht "nie" - ich bin kein Prophet. Aber auf absehbare Zeit.
Spannung im Raum spüren. Wenn zwei Leute sich nicht in die Augen schauen. Wenn jemand "Ja, passt" sagt, aber sein Körper "Nein" schreit. Wenn die Energie im Meeting kippt und keiner weiss warum. Das spürst Du. AI nicht.
Vertrauen aufbauen. Vertrauen entsteht durch Präsenz, durch Verlässlichkeit, durch das Gefühl: Der meint es ehrlich mit mir. Der versteht mich. Das kannst Du nicht prompten.
Konflikte navigieren. Nicht lösen - navigieren. Den richtigen Moment finden, etwas anzusprechen. Oder bewusst noch nicht anzusprechen. Wissen, wann Schweigen hilft und wann es schadet. Das ist Intuition, trainiert durch Erfahrung. Keine Wenn-Dann-Logik.
Entscheidungen facilitieren. Nicht Meetings moderieren - Entscheidungen ermöglichen. Menschen zusammenbringen, die unterschiedlicher Meinung sind, und einen Raum schaffen, in dem sie gemeinsam vorwärtskommen. Das ist Kunst. Und es ist Dein Kerngeschäft.
Empathie, Verbindung, Brücken bauen zwischen Menschen und nachhaltige Verbesserungen auf den Weg bringen, bzw. begleiten - das ist keine nette Ergänzung zu Deinem Job. Das IST Dein Job. Der Teil, den AI nicht übernimmt.
Und jetzt kommt das Entscheidende: Das heisst nicht, dass Du AI ignorieren sollst.
Im Gegenteil.
Bleib neugierig. Lern mit. Schau Dir an, was AI kann - und nutze es als Werkzeug. Lass AI die Fleissarbeit machen: Zusammenfassungen schreiben, Retro-Formate vorschlagen, Metriken aufbereiten. Muster erkennen. Impulse geben. Das spart Dir Zeit. Zeit, die Du für das nutzen kannst, was nur Du kannst (s.o.👆).
Wer AI ignoriert, wird abgehängt. Wer AI versteht und für sich arbeiten lässt, gewinnt.
Angefixt? 👉 Das Professional Scrum Master - AI Essentials Training (übrigens auch das Product Owner - AI Essentials) hilft Dir dabei. AI verstehen, sinnvoll einsetzen, die Möglichkeiten für Deine Arbeit als Scrum Master nutzen. Mehr Infos und die Termine hier.
Unterm Strich
Der Jobmarkt ist angespannt. AI verändert, wie wir arbeiten. Scrum Master sollten darauf reagieren, um relevant zu bleiben.
Drei Hebel:
- Zeig Deinen Wert. In Euro. Messbar. Nicht in Buzzwords.
- Schärf Deine Basics. Präzise sein, bildhaft erklären, zuhören, auf den Punkt argumentieren. Im Team, bei Stakeholdern, in Entwicklungsgesprächen und in Jobinterviews.
- Besetz Deine menschliche Nische. Empathie, Verbindung, Konflikte navigieren, Entscheidungen facilitieren. Das kann AI (noch) nicht. Du schon.
Fortschritt ist unvermeidlich. Gestalte ihn mit!
Welchen Hebel nutzt Du als Erstes?