„Wir führen Scrum ein, dann werden unsere Probleme endlich einfacher in den Griff zu bekommen.“
Diesen Satz habe ich in meiner Laufbahn unzählige Male gehört. Und fast immer kam er aus der Hoffnung heraus, Komplexität irgendwie beherrschbar zu machen.
Meine Erfahrung ist eine andere:
Komplexe Probleme lassen sich nicht vereinfachen – und Scrum verspricht das auch nicht. Scrum ist keine Wunderwaffe, kein Rezept und kein Shortcut. Scrum hilft mir lediglich dabei, mich Schritt für Schritt einer besseren Lösung zu nähern.
Komplexität verschwindet nicht
Wir alle bewegen uns ständig in komplexen Systemen: Softwareentwicklung, Organisationen, Produktarbeit, Zusammenarbeit zwischen Menschen, Famile, Freunde, Schule, usw.. In diesen komplexen Systemen gibt es keine stabilen Ursache-Wirkungs-Ketten. Was heute funktioniert, kann morgen scheitern. Was in einem Team funtktioniert, blockiert widerum ein anderes den nächsten Schritt zu gehen.
Scrum nimmt diese Realität sehr ernst. Es versucht nicht, Komplexität wegzuorganisieren, sondern gibt mir einen Rahmen, um mit ihr zu arbeiten.
Wann immer ich Scrum als Mittel zur Vereinfachung eingesetzt habe, bin ich gescheitert.
Scrum macht nichts einfacher – aber ehrlicher
Ein Irrtum, den ich selbst lange hatte: Scrum macht alles leichter.
In Wahrheit macht Scrum vor allem eines: Es macht Probleme sichtbar.
Zusammenarbeit
Vor Scrum dachte ich oft:
„Das Projekt läuft halt zäh.“
Nach ein paar Sprints war klar:
- Entscheidungen wurden vermieden
- Konflikte wurden nicht angesprochen
- Verantwortung war unklar verteilt
Diese Probleme waren vorher schon da. Scrum hat sie nicht verursacht – es hat mir keine Ausreden mehr gelassen, sie zu ignorieren.
Mein persönlicher Lernmoment mit Scrum
In einer frühen Scrum-Einführung war ich überzeugt, dass saubere Umsetzung ausreicht. Rollen definiert, Events eingeführt, Artefakte gepflegt – alles „nach Lehrbuch“.
Nach wenigen Wochen kam die Ernüchterung:
- „Die Meetings kosten nur Zeit.“
- „Früher waren wir schneller.“
- „Jetzt reden wir viel, aber entscheiden wenig.“
Mein Reflex war, Scrum zu verteidigen. Heute weiß ich: Das war mein Fehler.
Denn eigentlich ist Folgendes passiert:
- Abhängigkeiten wurden plötzlich sichtbar
- Prioritäten mussten offen diskutiert werden
- Führung wurde gezwungen, Entscheidungen zu treffen
Scrum hat nicht versagt. Es hat funktioniert.
Nur nicht so, wie wir es uns erhofft hatten.
Der Wendepunkt kam für mich, als ich aufhörte zu fragen:
„Wie machen wir Scrum richtig?“
Stattdessen war diese Frage interessanter:
„Was lerne ich gerade über unser System – und über mich?“
Ab diesem Moment wurde Scrum wertvoll. Nicht angenehm. Aber wirksam.
Schritt für Schritt statt perfekter Plan
Ich habe gelernt, dass Scrum keinen perfekten Plan ersetzt, sondern ihn bewusst vermeidet. Stattdessen zwingt es mich, kleine Schritte zu gehen und regelmäßig zu überprüfen, ob ich noch in die richtige Richtung laufe.
In der Produktentwicklung habe ich oft erlebt, dass nach dem ersten Release Frust aufkam:
„Das ist noch nicht gut genug.“
Stimmt. War es auch nicht.
Aber es war:
- real
- nutzbar
- lernfähig
Jeder Sprint hat mir gezeigt, was funktioniert – und was nicht. Nicht sauber, nicht linear, aber ehrlich.
Warum Scrum für mich unbequem ist
Scrum konfrontiert mich immer wieder mit Dingen, die ich gern vermeiden würde:
- klare Entscheidungen treffen
- Verantwortung übernehmen
- Fehler sichtbar machen
Scrum fühlt sich chaotisch an, wenn ich eigentlich Kontrolle will. Es ist kein Wohlfühl-Framework. Für mich ist Scrum ein Spiegel, der zeigt, wo ich mir selbst etwas vormache.
Keine Heilsversprechen, keine Utopien
Ich habe aufgehört, Scrum als Lösung zu verkaufen – und aufgehört, es als solche zu erwarten. Scrum verspricht mir keinen Zielzustand, sondern einen kontinuierlichen Lernprozess.
Einen Weg, auf dem ich:
- regelmäßig innehalte
- Annahmen hinterfrage
- Entscheidungen anpasse
- und langsam besser werde
Nicht schneller. Nicht einfacher. Aber bewusster.
Fazit
Es gibt keine einfachen Lösungen für komplexe Probleme.
Scrum ändert daran nichts.
Was Scrum mir gibt, ist etwas Wertvolleres:
- Transparenz statt Selbstbetrug
- Lernen statt Planungsillusion
- Entwicklung statt Stillstand
Scrum funktioniert dann, wenn ich aufhöre, es als Lösung zu sehen –
und beginne, es als Werkzeug zur Erkenntnis zu nutzen.