Eine der größten Gefahren bei Team-Visionen ist gut gemeinte Bevormundung.
Der Scrum Master…
- formuliert nicht die Vision für das Team
- entscheidet nicht, was „gute Zusammenarbeit“ ist
- bringt keine fertigen Antworten mit
Stattdessen sorgt er oder sie dafür, dass das Team überhaupt in die Lage kommt, seine eigene Vision zu entwickeln.
Das bedeutet vor allem: Räume öffnen.
1. Den Rahmen schaffen
Der Scrum Master gestaltet einen sicheren Rahmen, in dem echte Reflexion möglich ist.
Dazu gehört:
- Zeit bewusst dafür reservieren (nicht zwischen Tür und Angel)
- einen geschützten Raum ohne Bewertung schaffen
- psychologische Sicherheit aktiv fördern
- klar machen: Hier geht es nicht um Performance, sondern um Zusammenarbeit
2. Die richtigen Fragen stellen
Scrum Master arbeiten nicht mit Antworten, sondern mit Fragen.
Beispiele:
- „Wann fühlt sich Zusammenarbeit für euch richtig gut an?“
- „Was müsste passieren, damit ihr abends zufrieden nach Hause geht?“
- „Was kostet uns aktuell Energie – und was gibt uns Energie?“
- „Was wäre mutig, aber lohnend auszuprobieren?“
Diese Fragen helfen dem Team, implizite Erwartungen explizit zu machen.
3. Moderieren – nicht lenken
Gerade bei persönlichen Vorstellungen von Zusammenarbeit entstehen schnell Spannungen:
- unterschiedliche Bedürfnisse
- unterschiedliche Erfahrungen
- unterschiedliche Grenzen
Hier wird der Scrum Master zum achtsamen Moderator:
- achtet auf Redeanteile
- holt leise Stimmen bewusst rein
- bremst dominante Muster
- spiegelt Beobachtungen, ohne zu bewerten
Ziel ist nicht Konsens um jeden Preis, sondern gemeinsames Verständnis.
4. Von Vision zu Experimenten begleiten
Eine Team-Vision ist kein Poster für die Wand.
Sie wird erst lebendig durch konkrete Experimente.
Der Scrum Master unterstützt das Team dabei:
- Visionselemente in kleine, machbare Schritte zu übersetzen
- Experimente bewusst zu formulieren („Wir probieren X für zwei Sprints aus“)
- Lernfragen zu definieren („Woran merken wir, dass es uns hilft?“)
- regelmäßig innezuhalten und zu reflektieren (“Das Band anhalten”)
5. Fortschritt sichtbar machen
Zusammenarbeit verbessert sich leise – oder gar nicht wahrnehmbar.
Der Scrum Master hilft dem Team:
- eigene, sinnvolle Metriken zu entwickeln
- qualitative Signale ernst zu nehmen (Stimmung, Vertrauen, Offenheit)
- Erfolge bewusst zu benennen und zu feiern
- Rückschritte nicht zu dramatisieren, sondern als Lernmoment zu nutzen
Nicht als Kontrolle – sondern als Spiegel.
6. Die Vision lebendig halten
Team-Visionen verblassen, wenn niemand sie regelmäßig ins Gespräch bringt.
Hier ist der Scrum Master Hüter der Erinnerung:
- Verweise in Retrospektiven auf die Vision
- Fragen bei Konflikten: „Was sagt unsere Team-Vision dazu?“
- Mut haben, Unstimmigkeiten anzusprechen
- Raum für Weiterentwicklung der Vision schaffen
Denn:
Teams verändern sich – ihre Vision darf das auch.
Fazit: Servant Leadership in Reinform
Die Arbeit an einer Team-Vision ist vielleicht eine der klarsten Ausprägungen von Servant Leadership:
- dienen statt führen
- ermöglichen statt entscheiden
- zuhören statt erklären
Der Scrum Master sorgt nicht dafür, dass das Team eine Vision hat –
sondern dafür, dass sie ihre eigene entwickeln kann.
Und genau darin liegt die Kraft.
Doch wie kommen wir experimentell wirklich voran?
Weg vom "Wir sollten..." hin zu echten Experimenten?
Darum geht es im nächsten Artikel.